Einvernahmeprotokolle lesen : eine wissenssoziologische Untersuchung zur Rezeption von Einvernahmeprotokollen in schweizerischen Strafverfahren - PhDData

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Einvernahmeprotokolle lesen : eine wissenssoziologische Untersuchung zur Rezeption von Einvernahmeprotokollen in schweizerischen Strafverfahren

The thesis was published by Hohl Z端rcher, Franziska, in September 2022, University of Bern.

Abstract:

Die Dissertation besch辰ftigt sich mit der Rezeption von polizeilichen Einvernahmeprotokollen, die zu den Schl端sseldokumenten in Strafverfahren geh旦ren. Als Teil der Strafakte gelangen die von der Polizei kondensierten und konservierten m端ndlichen Aussagen bis zum Gericht, wo sie f端r die berpr端fung der Konsistenz von m端ndlichen Aussagen oder als Beweismittel verwendet werden. Die grosse Bedeutung von Einvernahmeprotokollen steht im Widerspruch zu der Beschaffenheit von deren Form und Inhalt. So sind Protokolle keineswegs eine repr辰sentative Wiedergabe des Gesprochenen, sondern halten das Gesprochene stark selektiv und modifiziert fest. Zentraler Punkt ist, dass sich protokollf端hrende Personen bei der Verschriftlichung an institutionellen Kategorien, Ordnungsprinzipien oder Verwendungszwecken orientieren und deshalb Einvernahmeprotokolle auch Leseanleitungen enthalten. Meine experimentelle Studie fragt erstens, wie sich Leseanleitungen in Form unterschiedlicher Protokollstile auf die Rezeption von Einvernahmeprotokollen auswirken. Es wurde die Wirkung von folgenden vier Protokollstilen getestet: konfrontativer Befragungsstil, monologische Protokollierung, stark gegl辰ttete Sprache und sichtbare Protokollkorrekturen. Datengrundlage bildet eine experimentelle Studie, die mit Strafrichterinnen und -richtern (n = 510) sowie mit Rechtsstudierenden (n = 620) in der Schweiz durchgef端hrt worden ist. Die Ergebnisse zeigen, dass die Interpretation der Protokollinhalte von der formalen Gestaltung abh辰ngt. Dies ist nicht nur der Fall, wenn sich die Darstellungsmittel markant unterscheiden, wie beispielsweise dann, wenn monologisch statt dialogisch protokolliert wird, sondern es trifft auch zu, wenn es sich um subtilere Eingriffe in die formale Gestaltung handelt wie etwa die Elimination von orthografischen und grammatikalischen Fehlern. Wirkungsm辰chtigster Protokollstil ist der konfrontative Befragungsstil. Er l旦ste sowohl bei Strafrichterinnen und -richtern wie auch bei den Studierenden doppelte Skepsis aus: So l辰sst er die Glaubhaftigkeit der Aussage der befragten Person schwinden und Zweifel bez端glich der Fairness des befragenden Polizisten aufkommen. Die Befunde zeigen weiter, dass auch der Protokollstil sichtbare Protokollkorrekturen ein Risiko f端r die befragte Person darstellt. Diese Ergebnisse sind insofern brisant, als dass sie belegen, dass sich Richterinnen und Richter bei ihrer Meinung von einem Protokollstil und damit von einem extra-legal factor beeinflussen lassen. Basierend auf einer Sekund辰ranalyse der Daten beleuchtet die Dissertation mit einer zweiten Forschungsfrage den Einfluss von Gerichtserfahrung auf die Rezeption von Einvernahmeprotokollen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Interpretation von protokollierten Aussagen auch von soziodemographischen Merkmalen der Leserschaft beeinflusst wird. So ver辰ndert sich mit der Gerichtserfahrung die Bedeutungserschliessung ein- und derselben Antworten. Ebenso nehmen Merkmale wie Alter, Bildung und Geschlecht auf die Deutung Einfluss. Diese Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen und Diskussionen zum Laienrichtertum in der Schweiz diskutiert.

The full thesis can be downloaded at :
http://boristheses.unibe.ch/3639/1/21hohl-zuercher_f.pdf


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